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Systemfehler Arbeitskräftemangel. Arbeiten bis 70 Jahre oder länger?

  • Autorenbild: avteampress
    avteampress
  • 7. Okt.
  • 8 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 19. Okt.

Systemfehler: Mangel an Arbeitskräften und arbeiten bis 70 Jahre und länger?


 

Hinweis: Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf die gleichzeitige Verwendung der Sprachformen männlich, weiblich und divers (m/w/d) verzichtet. Sämtliche Personen- und Berufsbezeichnungen gelten gleichermaßen für alle Geschlechter.


Wie viele und welche „Fachkräfte“ braucht das Land? Dramatisch ist die Situation in der Kranken- sowie Altenpflege, im Verkauf (Einzelhandel), im Baugewerbe, in der Gastronomie und in spezialisierten Arbeitsbereichen (bspw. Metallverarbeitung) sowie bei Unternehmen in ländlichen Regionen.

62 % der gesuchten Arbeitnehmer sind Erzieher, Therapeuten, Sozialarbeiter, Kranken- und Altenpfleger. Die zweitgrößte Bedarf besteht im Baugewerbe. An dritter Stelle stehen Verkäufer, Mechatroniker, Fachkräfte für die öffentliche Verwaltung und für die Bundeswehr.


 

Seit Juli 2025 baten wir über persönliche Kontakte und in Social Media Portalen um Bewerbungs-erfahrungen von Personen über 45. AV TEAM PRESS erhielt 172 Zuschriften aus 126 Städten. 47 weibliche, 125 männliche Absender im Alter zwischen 42 und 70 Jahren. 46 aus den neuen (Ost) und 126 aus den alten Bundesländern (West). Jede Person bewarb sich bis zur Fertigstellung dieses Artikels mindestens fünfmal, einige zehnmal und öfter. 63 Personen waren oder sind ALG-I oder ALG-II Bezieher sowie 17 Leute im Ruhestand (Rente). 92 Angestellte suchten aus unterschiedlichen Gründen einen neuen Arbeitgeber.

 

Darunter beispielsweise folgende Berufe (m/w/d)

Anlagenmechaniker, Altenpflegefachkraft, Agraringenieur, Architekt, Baubiologe, Bäcker, Brunnenbauer, Bürokaufmann, Dachdecker, EDV Fachkraft, Elektroinstallateur, Elektroniker für Informations- und Systemtechnik,  Erzieher, Forstwirt, Hoch- und Tiefbau-Ingenieur, Hotelkaufmann, Krankenpfleger, Koch, Kellner, Lehrkräfte (Lehrer MINT und Nebenfächer), mehrere Lehrkräfte ohne 2. Staatsexamen (LovL), Maschinenführer, Mechatroniker, Trockenbaumonteur, Pflegefachkraft, Programmierer, Redakteur,  Steuerberater, Sozialpädagoge, Scrum Master, Systemelektroniker, Verkäufer (Ladengeschäft), Vermessungstechniker, ungelernte Hilfskräfte.


Obschon 172 Erfahrungsberichte nicht repräsentativ sind, stimmt das Ergebnis nachdenklich.


Lediglich 24 noch bestehende Arbeitsverträge sind das Resultat aus rund 900 Bewerbungen von 172 Personen. (Im Job u.a.:  Bäcker, Dachdecker, Trockenbaumonteur, Hoch-Tiefbau-Ingenieur, Programmierer, Pflegefachkraft, Maschinenführer, Kraftfahrer, Verkäufer und ungelernte Hilfsarbeiter). Nur bei 52 von 172   Bewerbern kam es überhaupt zu Vorstellungsgesprächen. Daraus ergaben sich zunächst 29 Anstellungsverträge. 5 von 29 Personen mit neuem Job kündigten noch während der Probezeit oder suchen trotz neu angetretener Stelle erneut, weil sie beim neuen Arbeitgeber schon kurzfristig unzufrieden waren. (Gründe im Folgetext unten *). Insgesamt zogen 32 von 172 Bewerbern ihre Bewerbung zurück, weil ein Ortswechsel erforderlich wäre und die Suche nach einer Erst- oder Zweitwohnung an nicht vorhandenen Wohnraum oder an zu hohen Mieten scheiterte. Fest in der aktuellen Wohngegend verwurzelt, vereinzelt mit Wohneigentum, kommt ein Umzug für Personen über 45 Jahre meistens nicht infrage.


Bewerber mit nicht deutsch klingenden Namen hatten ebenso geringere Chancen wie Berufserfahrene über 50 Jahre. Zudem scheiterten Arbeitssuchende mit guten Voraussetzungen an zu hohen Kosten bei einem erforderlichen Ortswechsel. Wohnungsmieten oder tägliche Fahrten zum Arbeitsplatz und zurück wären zu aufwendig und zu teuer. Für Jobs ohne Ausbildung (ungelernte Hilfskraft) haben Bewerber mit namentlich erkennbaren ausländischen Wurzeln jedoch bessere Chancen im jeweiligen Wohngebiet. Hierbei muss berücksichtigt werden, dass Langzeitarbeitslose in den ersten 6 Monaten einer Beschäftigung nicht immer Mindestlohn erhalten.  Nicht wenigen von ihnen wird vor Ablauf der Frist wieder gekündigt. Zudem drängen die regionalen "Jobcenter" zu Jobs mit Zeitarbeitsfirmen oder zu Umschulungen.

 

Auffällig: Alle Bewerber erzählten, dass sie nicht auf jede ihrer Bewerbung eine Antwort erhielten. So entstand Ratlosigkeit. Sind meine Unterlagen überhaupt angekommen? Nur in wenigen Fällen gelangen zielführende Telefonate.

 

29-mal wurde ohne Vorstellungsgespräch per Mail oder telefonisch eine zeitlich befristete Stelle angeboten, obwohl dies in der Ausschreibung nicht deutlich erkennbar war. Zudem offerierten Anbieter ungeachtet des Alters und der jeweiligen Qualifikation vereinzelt nur Mindestlohn.  

 

Viele Bewerber/innen mit Berufserfahrung zwischen 48 und 70 Lebensjahren bekamen nach digitalen Übertragungen in Jobportalen oder nach dem Upload beim Unternehmen innerhalb von 24 bis 48 Stunden automatisierte Absagen. Vermutung: Nicht Menschen, sondern Software filterte die betroffenen Personen als „nicht passend“ aus. An fehlender Qualifizierung mangelte es bei keiner einzigen dieser Bewerbungen. Im Gegenteil. Alle derart flott aussortierten Bewerber verfügten über mindestens 25-jährige Berufserfahrung im ausgeschriebenen „Job“. Zudem blieben die Stellenangebote auch dann weiterhin online, wenn einem berufserfahrenen Bewerber eine Absage erteilt wurde.

 

121 Personen wurden während des Bewerbungsprozesses für sie inakzeptable Positions- oder Gehälter angeboten, beispielsweise in den Berufsfeldern Altenpflege, Gesundheitsbranche, Bau, Büro, Architektur sowie von Schulen und NGOs (trotz wirtschaftlich guter Substanz) und von Medienunternehmen.


Die Erfolgsquote ist auf beiden Seiten vom Wohnort abhängig.

Sowohl Jobsuchende als auch Arbeitgeber in Metropolen und Regionen mit guter Verkehrsinfrastruktur sind klar im Vorteil.


(*) Gründe der Kündigungen innerhalb der ersten Monate nach Jobantritt: „Die angetretene Position hat zu wenig mit der ausgeschriebenen zu tun“ - „Die Hierarchie ist nicht stimmig, fehlende Qualifikation in leitenden Positionen“ - „Schlechtes Betriebsklima“ - „An sich muss ich mehr als einen Job machen, weil gespart wird“ - „Zu viele Subunternehmen eingebunden. Sprachbarrieren in der internen Kommunikation“ -   „Das Unternehmen steht finanziell auf wackeligen Füßen, das habe nicht gewusst,“ und „In absehbarer Zeit soll ich im Betrieb den Arbeitsplatz wechseln, weil der Bereich technisch erweitert wird. Das hat man mir vorher nicht gesagt“, sowie nicht näher beschriebene Unzufriedenheit. Die Beschäftigten in klassischen Handwerksbetrieben sind aber bis heute durchweg zufrieden.


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Die Erkenntnisse aus unserer Stichprobe zeigen Fehler aufseiten der Unternehmen. Bewerber sollten immer eine Antwort erhalten, was oftmals nicht der Fall ist. Anscheinend selektieren Algorithmen die Zuschriften von Personen über 50 Jahre zumeist aus und bevorzugen Männer.

Zur Fehlerquote  kommen „Arbeitsvermittler“ hinzu, die nur selten über Kenntnisse der verschiedenen Berufe verfügen und deren Anforderungen verfügen. Mittlerweile suchen Jobvermittlungsfirmen sogar über Portale wie „Mach-du-das“ Recruiting-Personal mit dem Hinweis: „Ausbildung oder Berufskenntnisse sind nicht erforderlich.“ Einst waren Personalchefs oder Chefinnen mit langjährigen im jeweils betreffenden Unternehmen für die Einstellungen zuständig. Profis wissen, dass Zeugnisse und Bewerbungsunterlagen nur wenig über den Bewerber aussagen, um vorschnell (wie es heute üblich ist) die „Spreu vom Weizen“ zu trennen.


Nachwuchsförderung steht endlich wieder im Fokus. Schulabgänger ziehen aber Studium oder „irgendeinen“ Job zum Geldverdienen der klassischen Ausbildung vor. Allein in Schleswig-Holstein blieben im Sommer 2025 rund 12.000 Ausbildungsplätze quer durch alle Branchen unbesetzt. Ute Leber, Mitautorin der IAB-Studie aus 2025 betonte, dass am Ausbildungsmarkt insgesamt die Bedürfnisse der Betriebe und der potentiellen Auszubildenden nicht zusammenpassten.

" Trotz einer Rekordzahl an unbesetzten Ausbildungsstellen steigt sowohl die Zahl der unversorgten Ausbildungsplätze als auch die Zahl der jungen Erwachsenen ohne abgeschlossene Berufsausbildung", erklärt sie. Das Lehrstellenangebot ist größer als die Nachfrage und trotz individueller Anreize ist es heute schwieriger, geeignete Auszubildende zu finden.  Gesucht werden in SH vor allem Bauhandwerker, Tischler, Feinmechaniker, Schlosser, Dachdecker, aber auch Bäcker und Metzger. Auch Gesundheitshandwerker, also Orthopädie-Technik-Mechaniker oder  IT-nahe Berufe wie Systemelektroniker, finden bundesweit zu wenig Nachwuchs. Zudem eignen sich nicht alle jungen Leute für bestimmte Berufe. Interesse und Talent sind Mindestvoraussetzungen.

Forscher des österreichischen Wirtschaftsforschungsinstituts (Wifo) fordern in einer neuen Studie über den Zusammenhang von Bildung und Digitalisierung, „ … dass vor allem die Bildungsarmut energischer bekämpft werden sollte. Defizite beim Lesen, Schreiben und Rechnen müssten behoben werden“, so Wifo-Chef Christoph Badelt. "Denn umso mehr Bildung ein Arbeitnehmer vorweisen könne, umso besser sei er für die Digitalisierung gewappnet.“ Da Deutschland insbesondere im Bildungssektor schwach dasteht und politisch auch keine positive Trendwende gewollt ist (man könnte ja, wenn man wollte), wird D jährlich mit noch dramatischeren Problemen als heute zu kämpfen haben. Bekanntlich können ein Viertel aller Viertklässler nicht sinnverstehend lesen oder korrekt Deutsch schreiben. Das zieht sich bis in höhere Schulklassen durch. 72 % aller Neuntklässler haben Lese- sowie Schreibprobleme und scheitern an simplen Herausforderungen, weil sie Aufgabenstellung nicht verstehen. Die Quote der Schulabbrecher ohne Abschluss steigt seit Jahren rasant an.


Meinung auf Faktenbasis: 

Die Wohnungsknappheit und die mittlerweile horrenden Mieten sind noch nicht derart in den Fokus der Regierung gerückt, dass sich tatsächlich etwas zum Guten wandelt.  In den Metropolen stehen jedoch Tausende Wohnungen dem klassischen Wohnungsmarkt nicht zur Verfügung, weil sie über Airbnb & Co an Gäste vermietet werden. Es ist ein Irrglaube, dass die dramatische Wohnungsnot mit einigen Neubauten in Großstädten behoben werden könnte oder das der gesetzliche „Mietendeckel“ Wohnen finanzierbar macht. Allein die Ausnahmen im bestehenden Gesetz lassen die ohnehin zu geringe Wirkung verpuffen. Für Familien kommen KITA, Kindergartenprobleme und die Suche nach einer geeigneten Schule hinzu.

Ob offiziell und genehmigt oder inoffiziell: Die für Kurzzeitgäste vorhandenen Wohnungen sollten für den Wohnungsmarkt frei werden. Insgesamt gibt es in Deutschland rund 90.000 offizielle und nicht offizielle Angebote, die Wohnungssuchenden nicht zur Verfügung stehen.

 

In New York und Norditalien wurden die gesetzlichen Grundlagen für diese Vermietungsart geändert. In NY standen durch die Veränderung innerhalb kürzester Zeit rund 25.000 Wohnungen zur Verfügung. Mittlerweile sind 77% aller vorherigen Airbnb-Angebote in New York aus dem Angebotsportal entfernt. In touristisch beliebten Städten Norditaliens sind zunächst die "Schlüsselkasten" verboten und regionale Gesetzesänderungen eingebracht worden. In Österreich hat die Baupolizei eine neue Aufgabe: Kontrolle der entsprechenden Mietangebote mit Reduzierung der Kurzzeitmieten. Spanien plant mehr als 50.000 illegale Ferienwohnungen dem klassischen Wohnungsmarkt wieder zuzuführen.  In Deutschland hofft man indes auf eine irgendwann mal zur Verfügung stehende Software, um die Wohnungen zu erfassen und zu kontrollieren. Dabei wäre es technisch und ohne bedeutsamen Personalaufwand sehr einfach, die Angebote zu selektieren und dem Wohnungsmarkt zur Verfügung zu stellen. Aber seitens der vorigen und aktuellen Regierung ist das erkennbar ebenso nicht gewollt, wie dem Einkommen angepasste Mieten durchzusetzen. Gleichwohl werden zur Kostenexplosion passende, also angemessene Löhne unterdrückt. Die Problematik ist für alle sichtbar: Mit steigenden Löhnen steigen die Betriebskosten, was letztlich an Kunden und Verbraucher weitergegeben wird. Ein teuflischer Kreislauf.


Es bedarf demnach eines grundsätzlichen Systemwechsels. Ein wenig berücksichtigter Hinweis: Laut Anfrage im Parlament erhielten im Juni d.J. 916.480 (knapp eine Million) ARBEITNEHMENDE 7,8 Milliarden Euro Bürgergeld, da sie nach Abzug der Fixkosten unter dem Existenzminimum leben: Arm trotz Arbeit. Das "Aufstocken" bezahlen wir Steuerzahler. Nicht nur in der Gastronomie oder in kleinen Unternehmen, sondern auch bei Lebensmittelkonzernen und Großbetrieben wie Rossmann, KIK usw. sind nicht wenige "Minijobber" (556,- Euro) beschäftigt. Wir werden also nicht nur durch exorbitante Preise "belastet", die kaufmännisch keinesfalls nur durch höhere Löhne, gestiegenen Energie- oder Erzeugerpreisen gerechtfertigt werden können, sondern zahlen auch noch anteilig Löhne und Gehälter für einige ihrer Mitarbeitenden.


Abgesehen von IT-Berufen, im Handwerk, auf dem Bau und Jobs in der Pflege sowie einigen anderen Bereichen wird es in absehbarer Zukunft weniger Stellenangebote geben. In vielen Bereichen schrumpft der Absatz aufgrund der enorm preisgünstigen Produkte aus China. Schon die derzeit steigende Arbeitslosenzahl ist ein deutliches Signal. Zudem planen viele Großunternehmen und Konzerne zig Tausende Positionen nach altersbedingtem Ausscheiden des jetzigen Personals nicht wieder neu zu besetzen. Bayer, Bosch, Siemens sowie die Automobil- und relevante Zubehörhersteller, Banken, Versicherungen und viele weitere Branchen automatisieren Abläufe und sind auf Sparkurs, um weiterhin beachtliche Dividenden und Boni ausschütten zu können. Zumindest deutsche DAX-Konzerne sind nicht von Armut bedroht: Siehe "Handelsblatt" und "Zeit".

Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung geht zwar davon aus, „ … dass genauso viele neue Jobs entstehen wie wegfallen." Aber es fehlt die Erklärung, wie Millionen neuer Jobs entstehen und welcher Art sie sein werden. Neben Wohnraum, drastisch gestiegenen Lebenskosten und einer nicht mehr in allen Branchen planbaren beruflichen Zukunft hat Deutschland ein Bildungsproblem, das wie die anderen großen Herausforderungen seit Jahren bekannt ist. Auf das dramatische Ergebnis der letzten IGLU-Studie wurde nicht reagiert. Rund ein Viertel aller Viertklässler können nicht sinnverstehend lesen und nicht korrekt schreiben. Das hat sich bis in höhere Stufen entwickelt und trifft auch auf mehr als 70 % der Hauptschulabgänger zu. Aber Regierungen denken nur im Hier und Jetzt, ohne die Zukunft zu gestalten.

Aber genau das wäre ihr Job.


(Quellen: TU-Dortmund, IGLU-Studie 2023, Deutsches Schulportal, Statista, Bundesagentur für Arbeit, IFO, Handelsblatt).


 

 

 

 
 
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