Essstörungen auf Rekordniveau
- Carina Vossbrincke

- 25. Aug.
- 4 Min. Lesezeit
Essstörungen auf Rekordniveau. Immer mehr Mädchen und junge Frauen werden wegen Essstörungen stationär im Krankenhaus behandelt. Ihre Zahl verdoppelte sich nach Angaben des Statistischen Bundesamts. Mit gut drei Vierteln der Fälle wurde Magersucht (Anorexia Nervosa) am häufigsten diagnostiziert, elf Prozent der Patientinnen und Patienten litten an Bulimie (Ess-Brechsucht)
Die Behandlungsdauer stieg bei Frauen und Männern auf durchschnittlich 53,2 Tage an. Dutzende Menschen sterben an einer Essstörung.
Nach Einschätzung von Stephan Bender, Direktor der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters der Uniklinik Köln, gibt es keine Trendwende bei den Fallzahlen.
Rekordschwimmerin und zehnfache Olympiagewinnerin Franziska van Almsick machte kürzlich im Interview mit „GALA“ ihre Erkrankung publik. Noch heute muss das Sportidol der Wiedervereinigung, die als 14-Jährige ihre ersten Silber- und Goldmedaillen für Deutschland „erschwamm“, auf ihre Essgewohnheiten achten, um nicht in die Magersucht zurückzukehren. "Wenn ich heute in Situationen komme, in denen ich strampele, dann fange ich möglicherweise wieder damit an, weniger zu essen oder darüber nachzudenken, was ich esse", sagte die 47-Jährige der "Gala".
Doch nicht nur zu wenig, sondern auch viel zu viel Gewicht bereitet Sorgen. Niemals zuvor gab es in den Industrienationen eine derart hohe Anzahl an übergewichtigen und fettleibigen Menschen. Adipositas kommt anteilsmäßig bei den 13- bis 14-Jährigen am stärksten vor. Konträr zur Magersucht sind Jungs und Männer von Übergewicht und Fettleibigkeit häufiger als Mädchen und Frauen betroffen. Circa 61 % der männlichen Spezies ist einschließlich Adipositas stark übergewichtig.
Essstörungen haben komplexe, sehr unterschiedliche psychische, physische und soziale Ursachen. Statistisch abgesichert ist die Wahrscheinlichkeit, übergewichtig zu werden größer, wenn die Eltern dicker sind, als es der Gesundheit zuträglich ist. Sozial schwächere Familien trifft es eher als Einkommensstarke. Ebenfalls abgesichert ist die Erkenntnis, dass soziale Medien, allen voran TikTok, durch Unmengen an Präsentation von gertenschlanken Mädchen und Frauen Magersucht auslösen oder zumindest fördern können. Videos mit „Hashtag #skinnygirls und #tokskinny“ sind mittlerweile auf Druck der EU bei TikTok verboten.
"Die beispiellose globale Epidemie von Übergewicht und Adipositas ist eine tiefe Tragödie und ein monumentales gesellschaftliches Versagen", sagt Emanuela Gakidou vom „Institute for Health Metrics and Evaluation“ (Ihme) der Universität von Washington. „Es wird Zeit, Kinder gesund zu ernähren.“
„Viele Kinder und oftmals sogar die Eltern wissen nicht, wie natürliche Lebensmittel schmecken. Die politisch unterstützte Fett- und Zuckerindustrie sorgte dafür, dass sogar von Natur aus süß schmeckende Nahrungsmittel in der industriellen Herstellung mit noch mehr Zucker angereichert werden“, erklärt Doreen Remer. Als systemischer Coach war sie zehn Jahre lang im Auftrag der BZgA (heute BIÖG) mit einem besonderen Lehrauftrag in Schulen und Jugendgästehäusern aktiv. Gesunde Ernährung und Stressbewältigung standen auf ihrem Lehrplan.
„Kinder lassen sich durchaus für gesunde Ernährung mit natürlichen Lebensmitteln begeistern“, erklärt sie. „Aber in den Familien wird kaum noch so gekocht, wie wir es einst von unseren Müttern und die wiederum von ihren Müttern lernten. Fatalerweise erscheinen Fertiggerichte mit viel Zucker, industriellen Fetten, Geschmacksverstärkern, Aroma- und Farbstoffen recht preiswert. Genau genommen sind sie natürlich nicht preiswerter, als selbst zu kochen. Doch dafür hat kaum noch jemand genügend Zeit. Die Politik unterstützt nicht die gesunde, sondern die krank machende Lebensart. Es hat Jahre gedauert, bis sich die stark abgeschwächte „Rot-Gelb-Grün-Ampel“ auf Lebensmittelverpackungen durchsetzte. Aber nicht alle machen ordnungsgemäß mit. Die riesige Lobby der Zuckerhersteller verhinderte nicht nur ein Jahrzehnt lang eine sinnvolle Kennzeichnung, sondern hat sie derart mit Ausnahmen und Tricks verharmlost, dass die „Ampel“ nahezu wirkungslos ist. „Nutella“ beispielsweise besteht überwiegend aus Zucker und Fett, dennoch fehlt das rote Warnzeichen auf den Gläsern.“

Mit dem Essen spielt man doch!
„Kinder lernen durch spielen. Daher erfand ich passende Spiele, die ich in den Unterricht integrierte. Für die “Chaos-Pizza-Rallye” mussten die Kids zunächst eine Riesenpizza mit natürlichen, gesunden Lebensmitteln herstellen. Dabei konnte ich einfaches Wissen vermitteln: Was sind Tomaten? Wo kommen die her? Wie entsteht Käse, welcher eignet sich und wie kriegt man einen super Teig für die Pizza hin? Was können wir frisch aus der Natur dazugeben? Zwiebeln vielleicht? Kinder und Jugendliche wissen heute kaum etwas über Nahrungsmittel. Die Pizza kommt aus der Tiefkühltruhe, wie so vieles andere auch. Begeistert man sie aber fürs Schnipseln, Raspeln, brutzeln und kochen, erreicht man neben Freude an gesunden Nahrungsmitteln 7 pädagogische Ziele auf einmal:
Die kleinen Köche und Köchinnen bauen Selbstbewusstsein auf. Schau mal: habe ich alleine gemacht. Sie lernen Verantwortung in der Küche zu übernehmen und dafür, dass es gelingt. Zudem erfahren sie etwas über Lebensmittel und was sie auf dem Markt oder im Laden kosten. Wenn sie selbst oder mit einem Elternteil zusammen einkaufen, lernen sie zu planen und den Umgang mit Geld. In einer Gruppe kommt der Übungsfaktor hinzu, wie man ohne Streit zusammen erfolgreich ein Ziel erreicht. Zudem erfahren sie den Geschmacksunterschied zwischen Industrie- und Naturprodukten."
Zur COV-Pandemie endete das BZgA-Projekt und Doreen sammelte ihre jahrelang entstandenen Notizen zusammen, darunter auch kuriose Rezepte, die sich Kinder ausgedacht hatten. Dazu kam ein famos von Nina Kober gezeichnetes Trio als Comic hinzu und mit Liebe zum Detail wurde aus dem Gesundheitsprojekt ein famoses Spiel-Spaß-Erlebnis-Kochbuch (nicht nur für Kinder) auf wischfestem Papier im 21 x 21 cm Ringbuch. So lernen Kinder ohne "erhobenen Zeigefinger" spielerisch, sich gesund zu ernähren, um zukünftig mit ihrem Gewicht zufrieden zu sein.

Foto: fotolia



